Rituale im Herbst - Dahlie

🍂 Rituale im Herbst – vom Ernten, Loslassen und der Kunst, wieder langsamer zu werden

Der Herbst war für mich immer eine besondere Jahreszeit. Vielleicht, weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Dort waren die Jahreszeiten nichts, was man im Kalender nachschauen musste. Man konnte sie riechen. Spüren. Und man wusste, was zu tun war.

Im Frühling wurde vorbereitet und gesät. Im Sommer gewachsen und gearbeitet. Und im Herbst wurde geerntet.

Aber der Herbst war nie nur Ernte. Er war auch das Ende von etwas. Die Felder wurden leerer. Die Tage kürzer. Die Luft am Morgen kühler. Dinge, die den ganzen Sommer selbstverständlich da gewesen waren, verschwanden langsam.

Und niemand wäre auf die Idee gekommen, einem Apfelbaum im Oktober zu sagen: Jetzt streng dich noch einmal richtig an.

Heute müssen wir Menschen manchmal erst wieder lernen, was die Natur längst weiß. Es gibt eine Zeit für Wachstum. Und es gibt eine Zeit, in der weniger genau richtig ist.

Der Herbst ist die Jahreszeit des Dazwischen

Ich mag Übergänge. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich als Psychologin seit vielen Jahren mit Veränderung beschäftige. Übergänge sind besondere Zeiten. Das Alte ist noch nicht ganz vorbei. Das Neue noch nicht da.

Und genau dieses Dazwischen halten wir Menschen oft nicht besonders gut aus. Wir möchten wissen, wie es weitergeht. Wir möchten Entscheidungen treffen. Pläne machen. Etwas erledigen. Am besten gleich den nächsten Schritt kennen.

Die Natur macht das anders. Ein Baum wirft seine Blätter ab, ohne zu wissen, wie der nächste Frühling wird. Er hält nicht fest. Er zieht zurück, was er noch braucht. Und dann lässt er los.

Vielleicht berührt uns der Herbst deshalb manchmal ein wenig mehr als andere Jahreszeiten. Weil er uns an etwas erinnert, das wir eigentlich wissen: Nicht alles muss bleiben.

Ernten heißt auch wahrnehmen, was gewachsen ist

Was habe ich in diesem Jahr eigentlich geerntet?

Wenn wir „Ernte" hören, denken wir an Äpfel, Kürbisse, Kartoffeln, Trauben. Aber vielleicht gibt es noch eine andere Form der Ernte.

Was ist in meinem Leben in diesem Jahr gewachsen? Was habe ich gelernt? Was ist leichter geworden? Wo habe ich mich getraut? Welcher Mensch ist mir nähergekommen? Welche Entscheidung war richtig? Und vielleicht auch: Was habe ich durchgestanden?

Wir Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit, sehr schnell beim Nächsten zu sein. Kaum ist etwas geschafft, steht schon die nächste Aufgabe vor uns. Kaum ist ein Ziel erreicht, entsteht das nächste. Und manchmal gehen wir durch ein ganzes Jahr, ohne einmal stehen zu bleiben und zu bemerken: Da ist etwas gewachsen.

Ein kleines Herbstritual kann deshalb sein, sich an einem ruhigen Abend drei Fragen zu stellen: Was ist in diesem Jahr gewachsen? Wofür bin ich dankbar? Und worauf bin ich vielleicht sogar ein bisschen stolz?

Nicht als Selbstoptimierung. Sondern als Ernte.

Loslassen ist etwas anderes als Aufgeben

Warum fällt uns Loslassen so schwer?

Das Wort „Loslassen" wird heute fast inflationär verwendet. Lass los. Denk nicht mehr daran. Geh weiter. Als wäre Loslassen ein Schalter, den wir einfach umlegen könnten.

So funktioniert unsere Psyche nicht. Wir hängen an Menschen, Gewohnheiten, Vorstellungen und manchmal sogar an Dingen, von denen wir längst wissen, dass sie uns nicht mehr guttun. Weil sie vertraut sind. Und Vertrautes gibt Sicherheit. Auch dann, wenn es eigentlich nicht mehr passt.

Deshalb mag ich den Herbst als Bild für Loslassen. Der Baum wirft sein Blatt nicht im Hochsommer ab. Er tut es, wenn die Zeit gekommen ist. Vorher zieht er zurück, was er noch brauchen kann. Und erst dann löst sich das Blatt.

Vielleicht dürfen wir auch bei uns etwas freundlicher fragen: Was ist reif, gehen zu dürfen? Nicht: Was muss ich endlich loswerden? Sondern: Was brauche ich vielleicht einfach nicht mehr?

Das kann eine Verpflichtung sein. Eine Erwartung. Eine Gewohnheit. Ein voller Schrank. Ein Gedanke darüber, wie etwas sein sollte. Oder die Vorstellung, immer alles schaffen zu müssen.

Loslassen bedeutet nicht, dass etwas falsch war. Manchmal bedeutet es einfach: Es hatte seine Zeit.

Die Natur kennt keine permanente Hochleistung

Warum fällt es uns so schwer, langsamer zu werden?

Unsere Welt erzählt uns eine interessante Geschichte. Wir sollen wachsen. Produktiver werden. Uns weiterentwickeln. Mehr schaffen. Mehr erleben. Mehr erreichen. Und möglichst das ganze Jahr über.

Die Natur würde über diese Idee vermutlich staunen. Kein Boden trägt zwölf Monate im Jahr Früchte. Kein Baum blüht ununterbrochen. Kein Tier lebt unabhängig von Licht, Temperatur und Jahreszeit immer im selben Rhythmus. Nur wir Menschen erwarten manchmal von uns, im November genauso zu funktionieren wie im Juni.

Dabei verändert sich im Herbst etwas ganz Natürliches. Die Tage werden kürzer. Das Licht wird weniger. Draußen wird es kälter. Unser Leben zieht sich wieder ein wenig nach innen.

Vielleicht ist das kein Problem, das wir beheben müssen. Vielleicht ist es eine Einladung. Nicht jede Müdigkeit braucht ein Gegenprogramm. Manchmal braucht sie einen freien Abend.

Rituale geben Übergängen eine Form

Ich mag Rituale. Nicht die komplizierten. Nicht jene, für die man erst zehn Dinge kaufen und eine Anleitung lesen muss. Sondern die kleinen.

Eine Kerze anzünden. Tee kochen. Die letzten Kräuter aus dem Garten holen. Äpfel einkochen oder trocknen. Eine Schublade ausräumen. Durch raschelndes Laub gehen. Nüsse von der Strasse essen. Am Abend wieder früher ein Licht einschalten. Das erste Feuer im Ofen. 

Vielleicht mögen wir solche Dinge deshalb, weil Rituale unserem Gehirn etwas sehr Beruhigendes geben: einen Rahmen. Sie markieren einen Übergang. Jetzt beginnt etwas anderes.

Früher waren Jahreszeiten viel stärker von Ritualen begleitet. Ernte, Einlagern, Vorräte, Holz, gemeinsame Arbeiten – all das hatte seinen Rhythmus. Heute können wir Erdbeeren im Dezember kaufen und abends um elf noch bei hellem Licht arbeiten. Wir müssen den Jahreszeiten nicht mehr folgen. Aber vielleicht fehlt uns gerade deshalb manchmal etwas oder wir spüren Sehnsucht nach etwas, das wir nicht wirklich benennen können.

Ein Herbstspaziergang ohne Ziel

Muss ein Spaziergang immer etwas bringen?

Ich habe einen Vorschlag. Geh einmal hinaus, ohne Schritte zu zählen. Ohne Podcast. Ohne Telefonat. Ohne etwas erledigen zu wollen. Schau einfach.

Was hat sich seit letzter Woche verändert? Welche Blätter sind schon gelb? Wie riecht feuchte Erde? Wo liegt Nebel? Welche Vögel hörst du?

Vielleicht klingt das banal. Ist es aber nicht. Denn Aufmerksamkeit holt uns aus dem Denken zurück in die Gegenwart. Und die Natur verlangt dabei nichts von uns. Ein Baum erwartet nicht, dass wir klüger nach Hause gehen. Der Wald möchte kein Ergebnis. Wir dürfen einfach dort sein. Das ist heutzutage fast schon revolutionär.

Die Hände wieder an die Erde bringen

Vielleicht ist es meine Kindheit am Bauernhof. Aber ich glaube, dass etwas passiert, wenn wir mit unseren Händen Erde berühren. Wenn wir Laub zusammenrechen. Die letzten Tomaten holen. Ein Beet abdecken. Kräuter schneiden. Samen sammeln. Einen Kübel für den Winter vorbereiten.

Es sind einfache Tätigkeiten. Aber sie bringen uns zurück zu etwas sehr Ursprünglichem: Wir sind nicht nur Beobachter der Natur. Wir gehören zu ihr.

Und vielleicht ist das auch ein Teil dessen, was wir mit STEINKRAFT weitergeben möchten. Wir sprechen viel über Böden. Über Mineralien. Über Pflanzen. Über Tiere. Über Zeolith und Urgestein. Aber darunter liegt für mich noch etwas anderes. Die Erinnerung daran, dass alles miteinander verbunden ist. Ein gesunder Boden. Eine Pflanze. Ein Tier. Und wir Menschen. Nicht nebeneinander. Sondern miteinander.

Ein kleines Ritual zum Erntedank

Wofür bin ich dankbar?

Dankbarkeit muss nichts Großes sein. Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge. Der Hund, der neben uns einschläft. Ein Pferd, das uns entgegenkommt. Eine Tomate, die tatsächlich noch rot geworden ist. Ein Gespräch. Ein Mensch, der geblieben ist. Ein Körper, der uns durch dieses Jahr getragen hat. Ein Garten, der nicht perfekt war und trotzdem etwas hervorgebracht hat.

Vielleicht stellst du im Herbst eine kleine Schale auf den Tisch. Mit einem Apfel. Ein paar Nüssen. Einer Kastanie. Einem Stein vom letzten Spaziergang. Nicht als Dekoration. Sondern als Erinnerung: Es gibt etwas zu danken.

Auch in Jahren, die nicht leicht waren. Vielleicht gerade dann.

Aufräumen – aber anders

Was darf vor dem Winter gehen?

Der Herbst macht sichtbar, was übrig geblieben ist. Im Garten. Im Haus. Und manchmal auch im Leben. Deshalb ist er eine wunderbare Zeit zum Aufräumen. Aber nicht als großes Optimierungsprojekt.

Eine Lade reicht. Ein Regal. Ein Stapel Papier. Und bei jedem Ding dieselbe Frage: Brauche ich dich noch?

Diese Frage funktioniert erstaunlicherweise nicht nur bei Gegenständen. Auch Termine können wir so betrachten. Verpflichtungen. Gewohnheiten. Kontakte. Projekte. Nicht alles, was einmal wichtig war, muss für immer wichtig bleiben.

Freier Raum ist nicht leer. Freier Raum macht Neues möglich.

Der Garten zeigt uns, wie Regeneration funktioniert

Wenn im Herbst die letzten Früchte geerntet sind, könnte man glauben, jetzt sei im Garten nichts mehr los. Dabei beginnt unter unseren Füßen eine unglaublich wichtige Zeit. Organisches Material wird zersetzt. Mikroorganismen arbeiten. Nährstoffe werden umgebaut. Der Boden bereitet sich vor. Was oberhalb der Erde wie Stillstand aussieht, kann darunter voller Leben sein.

Ich finde dieses Bild wunderschön. Denn auch bei uns Menschen sieht Entwicklung nicht immer nach Aktivität aus. Manchmal passiert etwas, während wir scheinbar nichts tun. Ein Gedanke sortiert sich. Eine Erfahrung setzt sich. Eine Entscheidung reift. Eine Wunde wird leiser.

Nicht alles, was wächst, muss sichtbar wachsen. Vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften des Herbstes.

Weniger Licht – mehr Wärme

Wie kann ich den Herbst bewusst gestalten?

Wir können nicht verhindern, dass die Tage kürzer werden. Aber wir können entscheiden, wie wir ihnen begegnen.

Vielleicht mit weniger Terminen am Abend. Mit gutem Essen. Mit einem Buch. Mit Menschen, bei denen wir nicht funktionieren müssen. Mit Kerzenlicht. Mit früherem Schlaf. Mit einem Spaziergang am Nachmittag, solange es noch hell ist. Oder einfach mit der Erlaubnis, nicht jeden Abend etwas erleben zu müssen.

Der Sommer zieht uns hinaus. Der Herbst bringt uns wieder näher zu uns selbst. Beides hat seine Zeit.

Mein vielleicht wichtigstes Herbstritual: nichts Neues anfangen

Das klingt für eine Unternehmerin möglicherweise etwas verdächtig. Aber ich meine es ernst. Wir sind sehr gut darin, Neues zu beginnen. Neue Projekte. Neue Ideen. Neue Pläne. Neue Listen.

Der Herbst darf auch eine andere Frage stellen: Was möchte ich gut zu Ende bringen?

Vielleicht ist das sogar die schönere Form von Erfolg. Nicht immer noch etwas dazuzunehmen. Sondern etwas rund zu machen. Ein Versprechen einzulösen. Eine Sache fertigzustellen. Einen offenen Kreis zu schließen. Und dann nicht sofort den nächsten zu öffnen. Sondern kurz dazustehen und zu sagen: Das ist gut so.

Vielleicht müssen wir gar nicht immer wachsen

Das ist vermutlich der Satz, den ich aus diesem Herbst mitnehmen möchte. Wir sprechen so viel über Wachstum. Im Unternehmen. In unserer Persönlichkeit. Im Garten. Im Leben.

Aber Wachstum ist nur eine Phase eines größeren Kreislaufs. Danach kommt Reife. Dann Ernte. Dann Rückzug. Dann Ruhe. Und irgendwann beginnt etwas Neues.

Vielleicht entsteht ein gutes Leben nicht dadurch, dass wir eine dieser Phasen möglichst lange festhalten. Sondern dadurch, dass wir erkennen, wann welche Zeit gekommen ist.

Der Herbst erinnert uns daran. Ganz still. Mit jedem Blatt, das fällt.

Ein kleines STEINKRAFT-Herbstritual

Wenn du magst, nimm dir in den nächsten Tagen eine halbe Stunde. Geh hinaus. Such dir einen Stein, ein Blatt, eine Kastanie oder etwas anderes, das dich anspricht.

Und dann stell dir drei Fragen: Was möchte ich aus diesem Jahr bewahren? Was darf ich zurücklassen? Wofür möchte ich in den kommenden Wochen mehr Raum schaffen?

Du musst die Antworten nicht sofort kennen. Vielleicht nimmst du deinen Fund einfach mit nach Hause und legst ihn an einen Ort, an dem du ihn immer wieder siehst. Als kleine Erinnerung. Nicht daran, noch etwas tun zu müssen. Sondern daran, dass auch das Leben Jahreszeiten hat.

Und wenn draußen die Blätter fallen, dürfen vielleicht auch wir ein bisschen leichter werden.

Denn die Natur zeigt uns jeden Herbst aufs Neue: Loslassen ist nicht das Ende von Wachstum. Es gehört dazu.

Lascia un commento

Tieni presente che i commenti devono essere approvati prima di essere pubblicati.

Questo sito è protetto da hCaptcha e applica le Norme sulla privacy e i Termini di servizio di hCaptcha.